Fake news: Einstein vs. Professor
Auf einer Vielzahl an Seiten im Internet findet sich der Gesprächsverlauf zwischen einem Professor und (Spoiler) dem jungen Einstein (hier) bspw.. Ob diese Unterhaltung tatsächlich genau so stattgefunden hat, möchte ich mal zumindest bezweifeln. Allein die Tatsache, dass wörtliche Zitate verwendet werden - ohne dass auf zugrundeliegende Ton- oder Filmaufnahmen verwiesen wird - sollte zumindest mal stutzig machen. Höchst verwunderlich ist auch, dass eine Quelle angegeben wird, diese jedoch auf eine russische Seite verweist, die wiederum keine eigenen Quellen angibt… Herrlich. Das Argumentum ad Verecundiam ist ja mal ziemlich in die Hose gegangen.
Eigentlich sollte dies bereits das Ende der weiteren Beschäftigung mit dem Artikel darstellen, aber heute wollte ich mal weiter gehen. Weil… vielleicht gibt es ja schöne neue Argumente (Spoiler: nein).
Die Unterhaltung zwischen dem fiktiven Professor und dem fiktiven Einstein dreht sich um die Frage der Theodizee, einem Problem, mit dem sich die Christenheit bereits seit hunderten Jahren herumschlägt und das auf einem unlösbaren, logischen Fehler in der christlichen Lehre beruht. Kurz zusammengefasst: Laut christlicher Leere ist Gott gut und allmächtig. Ist dies bei dem Leid der Welt kein Widerspruch.
Wenn man, wie in diesem Fall, eine fiktive Geschichte schreibt, kann man natürlich die handelnden Personen so darstellen wie es einem passt. Also ist der Professor natürlich sehr überheblich und der Christ zunächst sehr zurückhaltend, hat dann aber natürlich die besseren Argumente (und wird selbst etwas überheblich).
Noch dazu bringt der Professor auch dumme Argumente…
Argument 1 (Professor): Wahr ist nur das was ich mit meinen Sinnen direkt wahrnehmen kann.
Damit muss man sich natürlich nicht weiter auseinandersetzen, es gibt unzählige Phänomene, die der Mensch mit seinen Sinnen nicht direkt wahrnehmen kann. Dazu baut er sich Instrumente, die diese Phänomene in, für ihn wahrnehmbare verwandeln. Beispiel: Radiowellen -> Funkgerät.
Sowohl Professor als auch Einstein hätten dies wissen müssen/können (Beispiel: Nachweis von Funkwellen) durch Hertz 1886.
Argument 2 (Einstein): Es gibt keine Kälte
Einstein breitet dann in epischer Länge das folgende naive Argument aus: Es gibt keine Kälte und keine Dunkelheit (jeweils Abwesenheit von Wärme oder Licht). Daher gibt es auch nicht das Böse, sondern nur Abwesenheit von Gott (weil Gott ja nur gut wäre).
Hier kommen wir jetzt in die Wortspiele. Natürlich, Kälte wird oft als das fehlen atomarer Bewegung dargestellt. Wärme dahingegen ist der steigende Grad der Bewegung darüber hinaus.
Was hier allerdings dekonstruiert wird ist nur das Wort “Kälte” nicht der Fakt. Natürlich erfriere ich trotzdem, wenn die Atome in meinem Körper ausreichend langsam werden… Ich habe ja nichts dagegen Begriffe klar zu erklären, es wäre aber total toll, wenn man sich mal an die etablierten Begrifflichkeiten halten könnte (dieser Appell geht auch an Fake News).
Das Argument wird dann weiter geführt, dass es ja keinen Tod gibt, sondern nur Abwesenheit von Leben (ergo, man ist tod).
Argument 3 (Einstein): Es gibt keine Evolution
Bisher werden nur die Begrifflichkeiten angegriffen. Jetzt werden allerdings in einem rethorisch schönen Zug die Argumente von oben (1 und 2) zusammengezogen und zu einem gegen die Evolution gerichtet. Dieser Zug ist ein Strohmann). Es kann nur darum gehen, den Professor (in den Augen des Gläubigen weiter zu diskreditieren. Die Frage der Evolution ist eigentlich ja nicht Kern der Diskussion.
Also wird behauptet, dass man ja die Evolution auch nicht sehen könne. Dann wird der Christ noch ein bisschen überheblich, um dem Professor (als Anti-Christ) seinen Intellekt final abzusprechen und er behauptet, dass man ja auch das Gehirn des Professors nicht sehen könne…
Fangen wir mal von hinten an. Natürlich kann man das Gehirn des Professor sehen. Seit 1896 gibt es Röntgengeräte. Wir können es zwar nicht mit unseren Sinnen direkt wahrnehmen, aber mit Hilfsmitteln. Der Unterschied zu Gott ist weiterhin, dass man das Gehirn natürlich auch direkt sehen und fühlen könnte, wenn auch mit ethischen Komplikationen.
Zum Thema Evolution muss man hier jetzt nur noch einen Schritt weiter denken. Was bedeutet es die Evolution sehen zu können? Solange der Aspekt wahrnehmbar ist könnte man ihn “sehen”. Ich sehe hier allerdings noch mehr die Kritik am wissenschaftlichen Prozess. Natürlich hat nicht ein Mensch die Evolution gesehen, aber es haben viele Menschen viele Teilaspekte gesehen und andere Menschen haben diese dann einem größeren Bild zusammengebaut. Muss ich wirklich selbst ein Gehirn in der Hand gehalten haben, um zu glauben, dass es ein Walnuss nicht unähnlich sieht? Oder kann ich darauf vertrauen, dass es (viele) andere Menschen gibt, die sich das selbst angesehen haben und zu eben diesem Schluss gekommen sind.
Fazit
Am Ende fasst der Student seine Einsichten zusammen in: “Das Böse existiert nicht. Zumindest existiert es nicht als solches. Das Böse ist nur die Abwesenheit des Guten, von Gott. Es ist wie mit der Abwesenheit von Wärme oder Licht. Ein Wort, das der Mensch erfunden hat, um die Abwesenheit von Gott zu beschreiben. Gott hat das Böse nicht erschaffen. Das Böse ist nur der Zustand, wenn man Gottes Liebe nicht im Herzen trägt. Es ist wie mit der Kälte, die herrscht, wenn es keine Wärme gibt. Oder die Dunkelheit, die vorherrscht, wenn es kein Licht gibt.”
Problem ist nur, Begriffe sind eben schon wichtig. Die Abwesenheit von Geld ist und bleibt (finanzielle) Armut. Wenn das ertrunkene Flüchtlingskind eben nur Gottes Liebe im Herzen getragen hätte, hätte es nicht so leiden müssen - ertrinken gehört sicher nicht zu den schönsten Arten zu sterben. Ist das wirklich die Quintessenz hier?
Ertränken scheint generell sowohl historisch als auch in der Gegenwart eine von Gottes liebsten Foltermethoden zu sein. Wie lässt sich sonst der Tsunami in 2004 erklären. Jeder einzelne der 280'000 Toten hatte einfach nicht die nötige Liebe im Herzen und deren Angehörige auch nicht.
Was für ein Armutszeugnis für den menschlichen Intellekt, dass wir uns auch nach 2000 Jahren Christentum immer wieder mit solchen hirnrissigen Argumenten herumschlagen.
